Meetingraum mit Stühlen und Tisch

Ruhig bevor es zählt: Was die Forschung über langsames Atmen vor Belastungssituationen zeigt

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„Wenn der Druck steigt, verändert sich die Atmung. Die spannende Frage: Funktioniert dieser Zusammenhang auch in die andere Richtung?"

Fünf Minuten vor dem Pitch. Der Raum ist gebucht, die Folien stehen, das Team wartet draußen im Flur. Der Puls ist schon oben, bevor überhaupt jemand ein Wort gesagt hat.
Die meisten Menschen versuchen in diesem Moment, sich „zusammenzureißen" – tief durchatmen, kurz die Augen schließen, weitermachen.
Die spannende Frage: Bringt das wirklich etwas, oder ist es nur ein Ritual, das sich gut anfühlt?

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Was zeigt die Forschung zu langsamem Atmen vor Belastung? 

In 60 Sekunden verstehen

  • Langsames Atmen kann kurzfristig Herzfrequenz, Blutdruck und Herzratenvariabilität beeinflussen. Besonders gut belegt sind akute Veränderungen physiologischer Marker; der Effekt auf negative Emotionen ist weniger eindeutig.

  • Eine große Meta-Analyse zeigt eine erhöhte vagal vermittelte Herzratenvariabilität während langsamen Atmens, unmittelbar danach und auch nach Interventionen mit mehreren Sitzungen.

  • Auf die sportliche Leistung überträgt sich das nicht automatisch: Bei Slow-Paced Breathing zeigten sich positive Effekte in einer Sport-Metaanalyse bei längerfristigen Interventionen, nicht beim einmaligen kurzfristigen Einsatz.

  • Eine kurze Atemsession kann also messbare physiologische Veränderungen auslösen. Ob daraus unmittelbar eine bessere Leistung in einer konkreten Belastungssituation entsteht, ist deutlich weniger gut belegt.

  • Eine aktuelle Studie mit einem Jugend-Footballteam zeigt, wie ein kombiniertes Ritual aus Atmung und Körperhaltung über eine Saison eingesetzt werden kann – als Praxisbeispiel, nicht als eigenständiger Wirksamkeitsbeweis.

Die Zahlen im Überblick

31
Studien in der Meta-Analyse von Shao et al. (2024)
1.133
Teilnehmende in dieser Meta-Analyse
223
Studien in der HRV-Meta-Analyse von Laborde et al. (2022)
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Deep Dive: Was im Körper wirklich passiert, wenn der Puls hochgeht

Der Moment vor der Tür

Zurück zum Flur vor dem Pitch: Was im Körper gerade passiert, ist keine Einbildung. Das autonome Nervensystem reagiert auf die bevorstehende Belastung, der Puls steigt, die Anspannung ist real.

Genau hier wird langsames, bewusstes Atmen interessant.

Eine Meta-Analyse von Shao, Man und Lee aus dem Jahr 2024 fasste 31 Studien mit insgesamt 1.133 Teilnehmenden zusammen. Im Mittel sank unmittelbar nach Slow-Paced Breathing der systolische Blutdruck. Auch die Herzfrequenz nahm ab, während untersuchte Marker der Herzratenvariabilität anstiegen.

Eine weitere Meta-Analyse von Laborde und Kolleg:innen mit 223 eingeschlossenen Studien bestätigt das Bild für die vagal vermittelte Herzratenvariabilität: Sie war sowohl während langsamen Atmens als auch unmittelbar nach einer einzelnen Sitzung und nach Interventionen mit mehreren Sitzungen erhöht.

Für den Moment vor dem Pitch bedeutet das: Eine kurze Slow-Paced-Breathing-Session kann tatsächlich messbare physiologische Veränderungen auslösen.

Was sich daraus nicht automatisch ableiten lässt, ist ein ebenso zuverlässiges Gefühl innerer Ruhe.

In der Meta-Analyse von Shao und Kolleg:innen war der Effekt auf negative Emotionen wie wahrgenommenen Stress statistisch nicht eindeutig abgesichert. Der Körper kann also messbar reagieren, ohne dass sich das zwangsläufig genauso deutlich in „Ich fühle mich jetzt ruhig" übersetzt.

Und danach, im Raum selbst?

Die eigentlich spannende Frage kommt erst jetzt: Hilft das auch bei der Leistung – beim Pitch, beim Wettkampf oder in einer anderen Drucksituation?

Eine Meta-Analyse von Laborde und Kolleg:innen untersuchte 37 Studien zu verschiedenen Atemtechniken und körperlicher Sportperformance.

Für Slow-Paced Breathing zeigte sich ein interessantes Muster: Bei längerfristigen Interventionen waren positive Effekte auf die körperliche Leistungsfähigkeit zu beobachten. Bei kurzfristigen Interventionen zeigte sich dieser Zusammenhang dagegen nicht.

Die Autor:innen mahnen gleichzeitig zur Vorsicht. Die Studien unterschieden sich deutlich voneinander, es gab Hinweise auf Publikationsbias und ein Teil der eingeschlossenen Untersuchungen hatte ein hohes Verzerrungsrisiko.

Für den Flur vor dem Pitch heißt das deshalb nicht: Fünf langsame Atemzüge machen die Präsentation besser.

Sie können physiologische Prozesse kurzfristig beeinflussen. Ob dadurch fünf Minuten später auch die Leistung besser wird, ist eine andere Frage – und dafür ist die Evidenz deutlich schwächer.

Ein Team, das dasselbe Ritual eine ganze Saison lang nutzte

Wie so etwas in der Praxis über einen längeren Zeitraum aussehen kann, zeigt eine 2026 veröffentlichte Studie aus Mexiko.

34 Amateur-Footballspieler im Alter von 16 bis 18 Jahren absolvierten über neun Wochen vor Training und Spielen eine kombinierte Übung: langsames, geleitetes Atmen – 4,5 Sekunden ein, 5,5 Sekunden aus – zusammen mit einer expansiven Körperhaltung, dem sogenannten Power Posing.

Über den Saisonverlauf nahm eine Dimension der Wettkampfangst ab. Gleichzeitig stieg das Selbstvertrauen im Verlauf der Intervention.

Aber genau hier wird wissenschaftliche Einordnung wichtig.

Es gab keine Kontrollgruppe. Das Team gewann während der Saison fast alle Spiele. Und die Intervention kombinierte zwei unterschiedliche Elemente – Atmung und Körperhaltung.

Deshalb lässt sich weder sicher sagen, dass das Ritual die beobachteten Veränderungen verursacht hat, noch welcher Anteil davon gegebenenfalls auf das Atmen zurückging.

Die Studie ist damit vor allem ein interessantes Praxisbeispiel: Sie zeigt, wie ein wiederkehrendes Ritual in einen realen Wettkampfalltag integriert werden kann. Einen eigenständigen Wirksamkeitsbeweis liefert sie nicht.

Kontext – Was das für den eigenen Pitch bedeutet

Der Unterschied zwischen kurzfristiger physiologischer Wirkung und tatsächlicher Performance ist der rote Faden durch die Forschung.

Eine einzelne Slow-Paced-Breathing-Session kann Herzfrequenz und Herzratenvariabilität kurzfristig beeinflussen. Auch für den systolischen Blutdruck zeigt eine Meta-Analyse einen akuten Effekt.

Ob daraus im entscheidenden Moment automatisch eine bessere Präsentation, Prüfung oder sportliche Leistung entsteht, ist dagegen nicht ausreichend belegt.

Für körperliche Sportperformance sind die bisherigen Ergebnisse zu Slow-Paced Breathing bei längerfristigen Interventionen interessanter als beim einmaligen kurzfristigen Einsatz.

Das macht langsames Atmen weniger zu einem garantierten „Performance-Hack" – und eher zu einer Technik, deren physiologische Wirkung besser belegt ist als das Versprechen, damit unmittelbar besser zu performen.

Und was ist mit Power Posing?

Im Football-Beispiel war Power Posing Teil des Rituals. Deshalb lässt sich der beobachtete Verlauf ohnehin nicht dem Atmen allein zuschreiben.

Hinzu kommt ein bekanntes Problem: Einige viel beachtete Befunde der ursprünglichen Power-Posing-Forschung ließen sich später nicht replizieren.

Eine größere Replikationsstudie von Ranehill und Kolleg:innen aus dem Jahr 2015 fand beispielsweise die ursprünglich berichteten Effekte auf Hormone und Risikobereitschaft nicht wieder.

Power Posing sollte deshalb nicht als wissenschaftlich abgesicherter hormoneller „Hack" verstanden werden.

Drei praktische Schlussfolgerungen - und was die Forschung dazu sagt

Slow-Paced Breathing vor einer Belastungssituation: 

Eine kurze Sitzung kann Herzfrequenz und Herzratenvariabilität akut beeinflussen. Auch für den systolischen Blutdruck wurde ein kurzfristiger Effekt gezeigt. Ein unmittelbarer Leistungsschub ist dadurch aber nicht belegt.

Atemtechnik wiederholt praktizieren: 

Für Slow-Paced Breathing zeigen sich bei körperlicher Sportperformance interessantere Ergebnisse nach längerfristigen Interventionen als beim einmaligen kurzfristigen Einsatz. Wie gut sich das auf einen Pitch, eine Prüfung oder andere mentale Belastungssituationen übertragen lässt, ist allerdings offen.

Power Posing als alleiniger „Hack": 

Für die ursprünglich behaupteten hormonellen Effekte fehlt eine robuste Replikation. Als persönliches Ritual kann eine Körperhaltung natürlich trotzdem genutzt werden – daraus sollte nur kein nachgewiesener physiologischer Effekt abgeleitet werden.

DROPVERSE®

Insight

Langsames Atmen ist kein magischer Schalter für den entscheidenden Moment.

Was die Forschung ziemlich überzeugend zeigt, passiert zunächst auf einer anderen Ebene: Herzfrequenz und Herzratenvariabilität lassen sich kurzfristig beeinflussen, ebenso der systolische Blutdruck. Was daraus für das subjektive Gefühl und vor allem für die tatsächliche Leistung entsteht, ist deutlich weniger eindeutig.

Gerade deshalb ist die Unterscheidung wichtig.

Nervensystem-Regulation ersetzt keine Vorbereitung. Sie kann Teil davon sein.

Quellen & wissenschaftliche Grundlage

Die Aussagen in diesem Artikel basieren unter anderem auf folgenden wissenschaftlichen Publikationen:

1. Shao R, Man ISC, Lee TMC. The Effect of Slow-Paced Breathing on Cardiovascular and Emotion Functions: A Meta-Analysis and Systematic Review. Mindfulness. 2024;15:1–18. DOI: 10.1007/s12671-023-02294-2

2. Laborde S, Allen MS, Borges U, et al. Effects of voluntary slow breathing on heart rate and heart rate variability: A systematic review and a meta-analysis. Neuroscience & Biobehavioral Reviews. 2022;138:104711. DOI: 10.1016/j.neubiorev.2022.104711

3. Laborde S, Zammit N, Iskra M, et al. The influence of breathing techniques on physical sport performance: a systematic review and meta-analysis. International Review of Sport and Exercise Psychology. 2024;17(2):1222–1277. DOI: 10.1080/1750984X.2022.2145573

4. Fernández-Barradas EY, Reynoso-Sánchez LF, Herrera-Meza S, López-Walle JM, Martínez-Moreno AG. Slow paced breathing and power posing: a pre-competitive ritual during an American football season. Frontiers in Sports and Active Living. 2026;8:1800382. DOI: 10.3389/fspor.2026.1800382

5. Ranehill E, Dreber A, Johannesson M, Leiberg S, Sul S, Weber RA. Assessing the robustness of power posing: no effect on hormones and risk tolerance in a large sample of men and women. Psychological Science. 2015;26(5):653–656. DOI: 10.1177/0956797614553946

Stand der wissenschaftlichen Einordnung: Oktober 2026. Die dargestellten Studien unterscheiden sich hinsichtlich Studiendesign, Population, Atemtechnik und untersuchten Endpunkten. Ergebnisse zu physiologischen Markern lassen sich nicht automatisch auf subjektives Stresserleben oder eine verbesserte Leistung übertragen.

Diese Inhalte dienen der Information und ersetzen keine medizinische Beratung.

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